Leseprobe canis lupus niger II

Das Sommerturnier

canis lupus niger II

(Noch nicht im Handel)

Leseprobe

 

Wanja nahm seine Kopfbedeckung ab, um sich den Schweiß abzuwischen. Er konnte die Zweifel Fürst Mihals gut verstehen. Auch er hatte viele Stunden lang vergeblich versucht, eine Schwachstelle der alten Felsenburg zu entdecken.

"Wir haben diesen Palast schon eine ganze Weile beobachtet, wie du weißt. Das große Portal habe ich nie geöffnet gesehen. Es gibt einen Eingang für Mensch und Tier hinter jenem Felsvorsprung da rechts. Doch er wird jetzt scharf bewacht sein, nachdem ich mit den beiden Frauen auf diesem Weg entkommen bin. Deshalb ist es vermutlich nicht so günstig, wenn wir es dort versuchen. Ich fürchte, es bleibt als einzige Möglichkeit, durch eines der Fenster im oberen Bereich einzudringen."

"Du bist verrückt, Amudare! Seit wann kannst du fliegen? Diese Öffnungen befinden sich mehr als hundert Schritte über dem Erdboden. Die fliegenden Dämonen des Abscheulichen können dort ein- und auskehren. Aber für uns sind sie unerreichbar."

"Nein, das sehe ich anders. Wenn es dunkel geworden ist, werde ich versuchen, hinaufzuklettern und für euch ein Seil festzubinden. Ich hatte mir schon damals einen Weg an der Felswand hinauf überlegt, aber dann kam meine Gefangennahme dazwischen."

"Du kannst nur verrückt sein, wenn Du glaubst, das das zu schaffen ist." Mihal schüttelte den Kopf.

"Was ist denn los?", fragte Baron Tarzel gereizt aus dem Dunkel der Höhle. "Ewig sprecht Ihr in diesem elenden Kauderwelsch! Wollt Ihr mir nicht einmal verraten, worüber Ihr gerade redet?"

`Nein´ hätte Wanja am Liebsten geantwortet. Doch er zwang sich zur Ruhe. "Wir sprachen gerade darüber, wie man am besten in den Palast eindringen kann, Baron."

"Also sind wir wieder genau da, wo wir vor zwei Monaten schon einmal waren?"

"Nein, nicht genau da. Die beiden Damen sind in Sicherheit, falls Ihr das vergessen haben solltet." Wanja legte sich sein Kopftuch wieder an. "Das bedeutet, dass wir keine Rücksicht mehr nehmen müssen."

Mihal schnaubte belustigt und Tarzel fuhr ihn an: "Was gibt es da zu lachen, Nomade?" Er war in einer gefährlich reizbaren Stimmung. Der Tahar musterte ihn eine Weile wortlos und richtete seinen Blick dann wieder auf den Felsenpalast.

"Ich rate Euch dringend, gegen den Fürsten Mihal mehr Respekt zu zeigen, Herr Tarzel", mahnte Wanja unwillig. "Er ist der König seines Volkes, auch wenn es diesem Titel nicht verwendet. Auf seinen Befehl erheben sich binnen weniger Stunden mehrere tausend berittene Krieger. Und er ist in der Lage, der mächtigen Stadt Castasarna die Kehle zuzudrücken. Alle Quellen für das Trinkwasser, dessen sie bedarf, liegen im Herrschaftsgebiet seines Volkes. Auch ist er kein unwissender Wilder. Wieviele Sprachen beherrscht Ihr, außer der Eurer Eltern? Um welche Künste und Verdienste habt Ihr Euch in Eurem Leben bemüht? Wieviele Männer würden die Hand heben, wenn man sie fragte, ob sie Euch folgen wollen?"

"Bajarin, verdammt, Ihr wollt diesen Anführer von Kamelhirten und Straßenräubern doch nicht mit einem Ritter des Mittländischen Reiches vergleichen?"

"Wie könnte ich das", sagte Wanja langsam. "Immerhin entstammt Ihr einem Geschlecht, das Jahrhunderte alt ist, ein großes Fürstentum beherrscht und die besten berittenen Krieger seines Heimatlandes stellt, während er einem Geschlecht entstammt, das Jahrhunderte alt ist, ein großes Fürstentum beherrscht und zu den besten berittenen Kriegern seines Volkes zählt..." Gelassen sah er in die wütenden Augen Tarzels, dem es die Sprache verschlagen hatte. "Im Übrigen", fuhr er dann fort, "möchte ich jetzt ein wenig schlafen. Solange es nicht dunkel ist und die Takklamatyr nicht zur Ruhe gekommen sind, können wir nämlich ohnehin nichts unternehmen." Er legte sein Schwert neben sich, zog sich seinen Mantel enger um den Leib, lehnte sich vorsichtig an die glatte Felswand in seinem Rücken und schloss die Augen.

"Ich verstehe nicht, wie Ihr jetzt schlafen könnt, im Angesicht unseres Feindes!"

"Wenn unser Feind sein Angesicht zeigt, dürft Ihr mich gerne wecken, Herr Tarzel. Und wenn man müde genug ist, kann man immer und überall schlafen." Wanja öffnete nicht einmal die Augen. "Sollte Euch die Langeweile plagen, könnt Ihr schon einmal alles zusammentragen, was wir an Seilen dabei haben."

"Ich bin doch nicht Euer verdammter ..."

"Dann lasst es eben bleiben!"

Belustigt hörte Wanja den jungen Baron davonstapfen.

"Ein empfindlicher junger Mann!", sagte Fürst Mihal ernst in der Sprache des Riffs. "Aber du machst es ihm auch nicht gerade leicht."

"Ich bin auch nicht seine Mutter", brummte Wanja. "Lass mich jetzt schlafen, Mihal!"

Ohne seine Worte zu beachten, bohrte Fürst Mihal weiter:

"Du kannst ihn nicht leiden, Bajarin. Warum?"

"Ich habe einige seiner Untugenden kennengelernt. Was geht dich das an?"

"Viel, wenn er mit uns in diesen Felsen eindringen soll. Wir müssen uns aufeinander verlassen können. Wenn du ihn weiter so reizt, wird er zu einer Gefahr für uns."

"Wenn ich ihn reize ...? Der Bengel reizt mich, seitdem ich ihn zum ersten Mal sah!"

"Du zeigst ihm ständig deine Verachtung. Er wird immer mehr wünschen, sich zu beweisen. Und er ist zu unerfahren, um vernünftig zu sein. Das muss ich dir doch nicht sagen. Wenn du deine Gefühle nicht besser im Zaum hast, sollten wir ihn lieber hier lassen."

Wanja knurrte nur ärgerlich. Er wusste ja, dass Fürst Mihal mit seinen Worten recht hatte.

"Warum nur bist du so streitlustig? Im Lager ist das eine andere Sache. Aber auf einem Kriegszug geht so etwas einfach nicht."

Wanja schwieg und dachte nach. Ja, warum eigentlich war er so reizbar? Er erkannte sich beinahe selber nicht mehr. 

Leseprobe canis lupus niger III

Der Krieg

canis lupus niger III

(noch nicht im Handel)

 

Leseprobe

 

Sascha blickte an der langen Reihe des wandernden Viehs entlang, welches über die Heerstraße zog:: Zweihundert amudarische Fleischrinder, jedes unter zwei Jahren alt und trotz der langen Reise noch so rund und glatt, wie sie die Ebenen ihrer Heimat verlassen hatten. Sie war nicht wenig stolz auf die Viehzucht ihres Volkes, die so genügsame und gleichzeitig leistungsfähige Tiere hervor gebracht hatte. Doch hier in diesem dicht besiedelten Land war es immer schwieriger geworden, die Tiere satt zu bekommen, ohne dass sie auf irgendjemandes Getreidefeld gerieten.

Sie konnte immer noch nicht begreifen, wie ihr Bruder auf den Gedanken gekommen war, sich in diesem engen Land niederzulassen, … eng nicht nur in räumlicher Hinsicht. Hier konnte man beinahe keinen Schritt zur Seite tun, ohne auf das Land seines Nachbarn zu treten. In Amudaria besaß allein der Clan der Bajaren eine Fläche, die doppelt so groß war, wie dieses ganze Königreich. Dort ließ man die Herden einfach ihres Weges ziehen und folgte ihnen mit dem Lager von Zeit zu Zeit. Aber natürlich, Wanja hatte sich auf seiner jahrelangen Weltreise mit allerhand Lebensweisen vertraut machen müssen. Und hier hatte er Valeria kennen gelernt und ihr sein Herz geschenkt. Da war es ihm nicht mehr möglich gewesen, weiter herumzustreunen.

Sascha lächelte schadenfroh. Männer! Entweder wussten sie überhaupt nicht, was sie wollten und ließen sich von ihren Launen durchs Leben treiben, bis sie auf jemanden stießen, der ihnen die Entscheidung abnahm. Oder sie glaubten, die Einzigen zu sein, die wussten, was richtig und falsch war, und versuchten anderen, ihren Willen aufzuzwingen. Beide Sorten waren von einer Frau leicht zu lenken, wenn sie wusste, wie. Sascha hatte jedoch niemals das Bedürfnis verspürt, ihr Leben für einen längeren Zeitraum mit einem Mann zu teilen. Zu ihrem Schutz brauchte sie niemanden. Danach, eines Mannes Kinderfrau zu sein, verlangte es sie auch nicht. Und schon gar kein Verlangen hatte sie danach, jemand anderen an ihren Entscheidungen teilhaben zu lassen, gleichgültig, ob Mann oder Frau. Gewiss hatte es Männer genug gegeben, die sich um die Gunst einer Tochter des Fürsten Bajarin, welche noch dazu eine der freien Kriegerinnen war, bemüht hatten. Doch keiner von ihnen, auch keiner der Väter ihrer drei Kinder, hatte sich lange mit ihrem Hunger nach Freiheit abfinden können.

Wieder sah Sascha an der Herde entlang bis nach hinten zu den zwei Ochsenkarren, auf welchen die vielen weich gegerbten Häute lagen, die sie ebenso wie die Rinder auf dem Markt der großen Handelsstadtstadt Harburg verkaufen wollten. Das war der Plan ihres Bruders Ivan gewesen. Seitdem sie beide vor vier Jahren zu Wanjas Hochzeit nach Mittland gekommen waren und er den großen Markt der Stadt gesehen hatte, hatte ihn dieser Gedanke nicht mehr losgelassen. Der Clan war einer der reichsten in Amudaria, sein Gebiet das größte und fruchtbarste von allen. Aber dieser Reichtum lief überwiegend auf vier Beinen herum und mehr als essen konnten auch die Bajaren nicht. Doch gab es viele Dinge, die man nicht selber herstellen konnte, wie die Amudaren das seit ewigen Zeiten mit allen Dingen des täglichen Lebens taten. Natürlich hatten sie schon immer Metall und Stoffe gekauft, auch die Nahrung, die auf Feldern angebaut oder aus dem Meer geholt werden musste und das Holz für ihre geliebten Musikinstrumente. Doch Wanja hatte ihnen gezeigt, dass es noch mehr gab, was sich zu besitzen lohnte: Bücher, Heilmittel gegen Krankheiten, die bisher als unheilbar galten, Schönes, wie Seidenstoffe und -garne oder kunstvoll gefertigten Schmuck, Gewürze und vieles mehr. All diese Dinge gab es in Harburg zu kaufen. Und wie durch ein Wunder besaß die Familie Bajarin etwas, das man hier in der größten Handelsstadt des Mittländischen Reiches dringend brauchte: Fleisch in großen Mengen und Leder, das so weich gegerbt war, dass es sich anschmiegte wie Tuch. Seit jeher fertigten die Amudaren den größten Teil ihrer Kleidung daraus und hatten nicht gewusst, dass es anderenortes als etwas so Kostbares und Begehrenswertes galt.

Ivan hätte diesen Zug selber nach Mittland führen und die Handelsgeschäfte tätigen wollen. Aber der Vater hatte ihn nicht wieder fortgelassen. Nachdem Alexander vor Jahren von den verfeindeten Illuren ermordet worden war und Wanja Amudaria und den Clan verlassen hatte, schien Fürst Karol Bajarin nun ihn zu seinem Nachfolger ausbilden zu wollen.

Auch seine anderen Söhne und viele der Neffen waren Männer, auf die man sich verlassen konnte, aber die wenigsten von ihnen besaßen die Umsicht und die Entschlusskraft, welche ein Fürst nun einmal haben musste. Armer Ivan! Sascha grinste. Er hatte nie Fürst werden wollen und hatte sich mit aller Hingabe den Frauen, den Pferden und Kampfkünsten hingegeben, allem, was Jungen Spaß machte. Nie hatte er geglaubt, erwachsen werden zu müssen, aber jetzt war er dazu gezwungen.

Und so hatte Fürst Bajarin seine Tochter gebeten, die zwanzig Männer anzuführen, welche die Tiere über die dreitausend Meilen lange Strecke nach Harburg treiben sollten. Sascha hatte nicht einen Augenblick gezögert, in diese Aufgabe einzuwilligen. Sie war gegenwärtig frei von Verpflichtungen gewesen. Und obwohl sie sich damals, kaum der Kindheit entwachsen, entschlossen hatte, eine der freien Kriegerinnen zu werden, liebte und verehrte sie ihren Vater über alle Maßen. Kurzerhand hatte sie ihren zwölfjährigen Sohn Kolja mitgenommen, den zu besuchen sie in das Lager der Bajaren gekommen war. Auf der wochenlangen Reise waren sie einander sehr nahe gekommen. Und auch die Männer der Bajaren hatten über den Ruf hinaus, den die legendären Kriegerinnen der Amudaren ohnehin hatten, Saschas Fähigkeiten als Anführerin kennen und schätzen gelernt. Es hatte manchen Versuch gegeben, ihnen Vieh und Fracht abzunehmen, aber keiner davon war erfolgreich gewesen.

Einer der Vorausreiter kam an der Kolonne vorbei zu ihr galoppiert.

"Der Fluss ist nur noch zwei Meilen entfernt, Sascha, und die Fähre hat gerade angelegt", rief er. Wenn wir uns ein wenig mehr beeilen, können wir die ersten dreißig Tiere noch mit dieser Fuhre hinüber schicken."

"Wollen erst mal sehen, wie viel der Fährmann insgesamt verlangt", dämpfte Sascha den Eifer des Mannes. "Am Ende verdoppelt er den Preis, wenn die Hälfte der Herde drüben ist." Sie nahm die Zügel ihres Pferdes kürzer. "Leo", rief sie. "Du übernimmst hier die Leitung! Ich reite mit Golo und Kolja zur Fähre voraus."

"Ist gut!", rief ihr Vetter zurück und winkte.

Die drei Reiter galoppierten an und erreichten nach kurzer Zeit den Fähranleger. Der Fährmann und seine beiden Helfer musterten die Amudaren abschätzend. Als nicht Golo, sondern Sascha zu sprechen begann, um den Preis für die Fracht zu erfragen, stutzten die Männer

"Lässt du dein Weib die Geschäfte aushandeln, Zigeuner?", fragte der Fährmann feixend. "Kunden in Röcken bekommen bei uns aber auch keine niedrigeren Preise."

"Außer, wenn sie ihre Röcke ausziehen", scherzte ein Anderer derb. "Kommt natürlich drauf an, was darunter steckt." Er erbleichte, als er plötzlich und unerwartet Saschas Schwertspitze auf seine Kehle gerichtet sah.

"Redest du mit mir, Knecht?", fragte sie samtweich. "Dann sieh mich an und zeige Respekt. Ich bin nicht sein Weib und wir sind keine Zigeuner. Mein Bruder hat mir erklärt, was ihr Mittländer darunter versteht. Wir sind Amudaren und wollen eine Viehherde über die Alba bringen. Kannst du das für einen anständigen Preis tun, oder müssen wir die Tiere noch die fünf Meilen bis zur nächsten Furt treiben?"

"Äh, was?"

Sascha seufzte. "Der Fährpreis, Mann! Wie viel für zweihundert Rinder, zweiundzwanzig Reiter und zwei vierspännige Ochsenkarren? Und denke sorgfältig über einen Mengenrabatt nach!"

"Einen … einen Mengenrabatt? Aber wir haben noch nie …"

"Irgendwann geschieht alles zum ersten Mal, guter Mann." Sascha ließ den Fährmann nicht aus den Augen. "Also?"

"Äh, …" Die Mittländer wechselten nachdenkliche Blicke. Dann erklärte der Fährmann: "Ein Reiter kostet fünf Kupferpfennige, also hundertzehn für euch alle. Ein Rind zwei Pfennige, macht zweihundert mal zwei, also vierhundert. Zwei Fuhrwerke mit je vier Ochsen macht nochmal achzig Pfennige. Macht dann zusammen fünfhundertneunzig, also fünf Taler und neunzig Pfennige."

Sascha runzelte unwillig die Stirn.

"Fast sechs Silbertaler, um über die Alba zu kommen? Das ist mehr als der Gegenwert eines guten Schlachtrindes, wie ich hörte. Wie ist es mit fünf Talern? Es ist schnell verdientes Geld. Ihr könnt uns mit höchstens sechs Fahrten übersetzen."

Der Fährmann zögerte, nickte dann aber.

"Na schön, ich will mal nicht so sein. Fünf also."

"Gut. Die Wagen und die ersten Tiere werden in einer halben Stunde hier sein, der Rest kommt dann wenig später." Sascha steckte ihr Schwert ein und schwang sich wieder auf ihr Pferd. Als die Amudaren davon galoppierten, wurden die Mittländer von einem Schauer aus Sandkörnern getroffen.

Bei der Viehherde angekommen, gab Sascha ihre Befehle und die Männer begannen sofort, die Herde zu teilen. Bald darauf konnten die ersten zwanzig Tiere und die beiden Fuhrwerke vorausgeschickt werden. Auf diese Weise würde der Rest der Herde gemächlicher laufen können. Jedes Pfund erhaltenen Schlachtgewichtes war bares Geld wert. Und dennoch würde die Fähre schon auf dem Rückweg sein, wenn sie dort eintrafen und sie brauchten nicht lange zu warten. In aller Ruhe ritt Sascha mit den verbleibenden Männern und Tieren weiter, während die Vorhut in der Ferne verschwand. Von Weitem sahen sie, wie die Fähre ablegte und wenig später das Ostufer des Flusses erreichte. Und schon bald konnte sie sich auch wieder auf den Rückweg machen. Sie traf gleichzeitig mit dem Rest der Herde am Anleger ein.

Zufrieden gab Sascha den Befehl, die Tiere für die nächste Fuhre auszusondern und auf die Fähre zu treiben. Doch der Fährmann stellte sich ihr in den Weg.

"Du hast nicht gesagt, wie groß und schwer eure Tiere sind, Mädchen. Dafür ist der Preis, den ich dir genannt habe, zu niedrig. Wenn du willst, dass ich den Rest eurer Viecher auch noch rüberschaffe, musst du schon mindestens zehn Taler zahlen."

Sascha funkelte den dreckig grinsenden Mann an.

"Sag das noch mal", forderte sie ihn auf.

"Zehn Taler kriege ich, oder aus dem Geschäft wird nichts. Hast du keine Ohren im Kopf?"

Die Kriegerin ließ den Kopf hängen und schüttelte ihn resigniert. Das war einfach nicht zu glauben. Dachten sich diese Betrüger niemals etwas Neues aus? Sie schwang ihr rechtes Bein über den Hals ihres Falben und ließ sich aus dem Sattel gleiten. Während sie langsam auf den Fährmann zu ging, zog sie ihren langen amudarischen Dolch. Das Schwert würde sie für so einen nicht brauchen. Dass seine Gehilfen besorgt näher kamen, kümmerte sie nicht.

Als er die Waffe in ihrer Hand sah, fuhr der Mann entsetzt zurück, doch er war natürlich viel zu langsam. Mit ihrer Linken ergriff sie seine Halsbinde, während die Spitze der Klinge ihren Weg zwischen seinen Zähnen hindurch in seinen Mund fand.

"Ich sollte dich töten, du erbärmliches Stück Dreck" erklärte sie im Gesprächston. "Aber dadurch würde ich vielleicht meinem Bruder Probleme mit seinem Nachbarn bereiten. Und du wärst nicht mehr in der Lage aus deinem Fehler zu lernen. Also behalte dein wertloses Leben und sieh zu, wie Amudaren Flüsse überqueren! Ich werde nur den Teil von dir bestrafen, der mich betrogen hat."

Ihre Klinge bewegte sich ein winziges Stück zur Seite. Dann stieß Sascha den aufschreienden Mann verächtlich zu Boden und wischte ihre Klinge an seinem Kittel sauber, ehe sie sie einsteckte. Der kleine Schnitt in der Zunge war nur ein geringer Preis für diesen schäbigen Betrugsversuch.

Sie bestieg ihr Pferd und ließ ihren Blick über die gaffenden Zuschauer, über die hundertachzig Rinder, ihre Männer und ihren Sohn gleiten. Sascha bemerkte, dass Kolja sie nachdenklich ansah, aber sie störte sich nicht daran. Nachdenken war nichts Schlimmes, man wurde verständiger dadurch. Und wenn er eine Frage hatte, würde er sie stellen, sobald er soweit war.

"Wir schwimmen über die Alba!", bestimmte sie. "Den Umweg über die Furt können wir jetzt nicht mehr nehmen. Ich bin nicht bereit, die beiden Wagen und unseren Gast mit nur vier Männern so lange da drüben allein zu lassen. Mittländern ist nicht zu trauen. Treibt sie in den Fluss!"

Die Amudaren sammelten sofort die Rinder zu einer geschlossenen Gruppe und drängten die Herde in Richtung Fluss. Die ersten Tiere sträubten sich ein wenig, ins Wasser zu steigen, doch wurden sie von den nachfolgenden geschoben. Der Fluss war hier ruhig, aber tief, so dass sie die steile Böschung hinunter springen und sofort anfangen mussten, zu schwimmen. Flankiert von den sofort folgenden Reitern entfernten sich die kräftig strampelnden Rinder vom Ufer. Sascha nickte zufrieden. Sie hatte auch keine Schwierigkeiten erwartet, denn amudarisches Vieh musste immer einmal Flüsse durchschwimmen. Über die großen Ströme ihrer Heimat gab es keine Brücken.

Sie nahm einige Münzen aus ihrem Beutel und warf sie dem Fährmann vor die Füße.

"Das ist für die eine Fuhre", erklärte sie kurz angebunden. "Amudaren bleiben nichts schuldig, sie bezahlen immer. Merk dir das!" Dann gab sie Kolja ein Zeichen und gemeinsam folgten sie der Herde in den Fluss. Während sie sich an der Mähne ihres gleichmäßig schnaufenden Pferdes festhielt und mit kräftigen Stößen neben ihm schwamm, warf sie einen Blick auf ihren Sohn. Der Junge folgte ihr ohne Schwierigkeiten, auch ihn zog sein Pferd ruhig und stetig durch das Wasser. Kolja war ein gut gewachsener Bursche ohne Furcht, ein echter Bajare. Sascha war stolz auf ihn. Ihre Eltern, bei denen er aufwuchs, hatten ihm jede Möglichkeit gegeben, sich seinen Veranlagungen gemäß zu entwickeln. Er würde ein sehr brauchbarer Erwachsener werden.

Sie richtete ihren Blick wieder auf das jenseitige Ufer. Die ersten Tiere hatten es schon beinahe erreicht. Die Bajaren, welche den Fluss mit der ersten Fähre überquert hatten, erwarteten sie mit den Gespannen und Wagen bereits dort, wohin die Strömung die schwimmende Herde treiben musste. Sie nahmen die Tiere in Empfang, als diese das Ufer erklommen und leiteten sie auf eine große Brachfläche. Bald waren Menschen und Tiere tropfnass, aber wohlbehalten dort versammelt. Sie hatten natürlich kein einziges Rind verloren. Die Männer lachten, und Golo fragte Sascha grinsend:

"Damit hätte dieser Dorschnik nicht gerechnet, was? Wollte tatsächlich den vereinbarten Preis verdoppeln, als die Herde getrennt war. Nicht zu fassen. Willst du ihm das durchgehen lassen?"

"Ich habe ihm ein Andenken hinterlassen, an das er sich erinnern wird, falls er wieder mit Amudaren verhandeln sollte. Im Übrigen habe ich nicht das Bedürfnis, die Mittländer zur Ehrlichkeit zu erziehen. Das ist die Aufgabe ihrer Fürsten." Sascha wrang ihren langen Zopf aus. Golo brummte zustimmend.

"Hast du eine Ahnung, wo wir heute Nacht lagern werden?", fragte er dann weiter.

"Wanja wollte uns hier erwarten und nach einem geeigneten Platz führen. Aber wir sind einen ganzen Tag früher hier, als geplant. Ich habe keine Ahnung, ob er schon …"

Golo blickte plötzlich über Saschas Schulter hinweg und strahlte, deshalb drehte sie sich um. Ihr Bruder kam auf seinem grauen Hengst herbei getrabt, gefolgt von zwei Männern in den Farben seines Wappens. Auch er selber war in ein Gewand aus Tuch gekleidet, mit dem schwarzen Wolf auf der Brust, statt in das gewohnte Leder. An diesen Anblick würde Sascha sich nie gewöhnen.

"Aber hallo, Herr Graf", spottete sie freundlich. "Hast du dich etwa für uns so heraus geputzt?"

Wanja sprang neben ihr vom Pferd und umarmte und küsste sie zur Begrüßung.

"Ich freue mich auch, dich zu sehen, Sascha!" Er lachte gutmütig. "Diese Stadt gehört dem Grafen Carnavon, und Valeria bestand darauf, dass ich ihm einen Höflichkeitsbesuch abstatten und dabei `anständig bekleidet´ sein müsse. Hattet ihr eine gute Reise?"

"Aber ja. Alles ist bestens. Wir haben kein einziges Rind verloren. Sie sind alle so gesund, wie sie die Weiden am Ormur verlassen haben. Deinen Gelehrten haben wir dir auch wohlbehalten mitgebracht. Und wir sind ebenfalls alle gesund und munter. Juri mussten wir allerdings in Sastowo zurücklassen. Sein Pferd hatte sich verletzt und er wollte es natürlich erst heilen, ehe er weiter reitet. Er wird dann nachkommen. Das hier ist dein Neffe Kolja, mein ältester Sohn. "

"Kolja?" Überrascht und erfreut reichte Wanja dem Jungen die Hand. "Ich freue mich, dich kennen zu lernen. Du bist deiner Mutter sehr ähnlich. Wer ist denn dein Vater?"

Für ein amudarisches Kind war diese Frage weder ungewöhnlich, noch verletzend, insbesondere, wenn seine Mutter eine der freien Kriegerinnen war, die sich niemals einen festen Gefährten nahmen. Deshalb antwortete der Knabe auch stolz:

"Ivan, der zweite Sohn des Fürsten Gonerin."

"Der war schon ein guter Krieger und ein kluger Mann, als ich noch in Amudaria lebte. Du kannst auf ihn ebenso stolz sein, wie auf deine Mutter."

"Ich weiß!" Selbstbewusst nickte Kolja, und Wanja betrachtete ihn noch einen Augenblick lächelnd, ehe er die anderen Bajaren und auch den Gelehrten, Meister Tarsenna, begrüßte. Dann fragte er neugierig:

"Ich habe die Wagen und die ersten zwanzig Rinder auf der Fähre übersetzen sehen. Warum seid ihr mit den anderen Tieren geschwommen?"

Sascha zuckte mit den Schultern.

"Die Preise stiegen plötzlich, … zu sehr für meinen Geschmack. Und ich wollte den Umweg über die Furt nicht machen. Außerdem sind die Tiere jetzt schön sauber und werden auf dem Markt einen noch besseren Preis erzielen."

"Die Fährleute haben versucht, euch zu betrügen?" Wanja sah plötzlich finster aus. "Wussten sie nicht, wer du bist?"

"Eine Kriegerin? Zunächst nicht, aber sie lernten es inzwischen."

"Nein, meine Schwester, du Spaßvogel! Dann hätte es keine Schwierigkeiten gegeben."

"Wer hatte denn hier Schwierigkeiten?" Sascha lächelte spöttisch. "Außer dem Fährmann, der wohl künftig ein wenig lispeln wird. Glaubst du, ich kann nicht ohne die Hilfe des Grafen von Wolfsburg durch das Mittländische Reich reiten?"

"Gnade, Kriegerin!" Wanja hob abwehrend seine Hände. "Ich wollte dich nicht beleidigen. Aber die Unverschämtheit eines schäbigen Betrügers hätte ich euch gerne erspart." Er musterte seine Schwester mit liebevoller Sorge. "Ihr seid alle klatschnass! Wir sollten einen Ort aufsuchen, an dem ihr euch trocknen könnt und die Tiere fressen und ausruhen können."

Sascha hatte ihr Schwert vom Rücken genommen um das Wasser aus der Scheide zu schütten. Nun band sie es sich wieder über den Rücken.

"Na, dann mal los!", sagte sie munter. "Reite einfach voraus!"

Wanja nickte und schwang sich wieder auf sein Pferd. Dieser Fährmann würde von ihm noch zu hören bekommen!